Henning von Tresckow und die Bombe in Hitlers Flugzeug – Leseprobe aus Tobias Kniebes „Operation Walküre. Das Drama des 20. Juli“

Die Bombe im „Führerhauptquartier“ am 20. Juli 1944 war keineswegs der erste Versuch, Hitler umzubringen und den Nationalsozialisten die Macht in Deutschland zu entreißen. Auch die „Operation Walküre“, der Plan eines militärischen Staatsstreichs gegen Hitler, begann wesentlich früher. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Verschwörung im März 1943, als Oberst Henning von Tresckow, der große Planer des militärischen Widerstands, Hitler zu einem Besuch im Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte im besetzten Russland überreden konnte. Philipp Freiherr von Boeselager war als junger Ordonnanzoffizier dabei – und konnte mir kurz vor seinem Tod noch zahlreiche Details berichten. Mit diesem Kapitel beginnt mein Buch.

DER BESUCH

Smolensk, Russland, 13. März 1943

Am Vormittag des 13. März 1943 wartet ein halbes Dutzend Soldaten auf dem Flugfeld der russischen Stadt Smolensk. Rangabzeichen, Mützen und feldgraue Mäntel kennzeichnen sie als Offiziere der Wehrmacht. Der Anführer ist ein Befehlshaber im Generalsrang, erkennbar am leuchtenden Rot seines Brustklappenfutters. Etwas abseits halten mehrere Mercedes-Limousinen, bei den Hangars sind einige Heinkel-Kuriermaschinen und Verbindungsflugzeuge vom Typ «Fieseler Storch» zu sehen. Die Sonne scheint, die weite leere Landschaft ist von Schnee bedeckt. Der zweite, katastrophale Winter des Russlandfeldzugs neigt sich seinem Ende zu.

Generalfeldmarschall Hans Günther von Kluge, 60, Kommandeur der Heeresgruppe Mitte und Herr über die deutschen Besatzungstruppen im zentralen russischen Frontabschnitt, steht neben Oberst Henning von Tresckow, 42, seinem Ersten Generalstabsoffizier. Gemeinsam mit dem Chef des Stabes, Adjutanten und Ordonnanzoffizieren bilden sie das Empfangskomitee für Adolf Hitler, den «Führer und Reichskanzler» der Deutschen – im zehnten Jahr seiner unbeschränkten Macht. Der eine ist angetreten, seinem obersten Befehlshaber die Hand zu schütteln und ihm, wenn möglich, eine geplante Offensive auf Kursk auszureden. Der andere wartet darauf, ihn zu töten.

Henning von Tresckow ist ein Offizier vom Typ des intellektuellen Strategen. Hohe Denkerstirn, schütteres Haar, ein feingeschnittenes und trotzdem entschlossenes, offenes Gesicht. Oft umspielt ein ironisches Lächeln seine Lippen. Schon lange arbeitet er an dem tödlichen Plan, der heute zur Ausführung kommen soll, und die Ereignisse der letzten Monate haben seine Entschlossenheit nur bestärkt. Seit der Jahreswende bezweifelt niemand, der noch bei klarem Verstand ist, welches Schicksal Deutschland bevorsteht: Stalingrad und die Vernichtung der 6. Armee lassen alles Gerede vom «Endsieg» wie Hohn klingen; Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt haben in Casablanca das Kriegsziel der Alliierten verkündet, die «bedingungslose Kapitulation» der Achsenmächte; und im Stillen gibt Hitler auch den Afrika-Feldzug längst verloren – erst drei Tage zuvor hat er Generalfeldmarschall Rommel unter höchster Geheimhaltung aus Tunis zurückbeordert und von seinem Kommando entbunden. Wie Rommel misstraut er inzwischen vielen seiner Generäle, und auch unter den Offizieren der Heeresgruppe Mitte, die einst Moskau erobern sollten und sich nun seit vierzehn Monaten in erbitterten Abwehrkämpfen gegen die Rote Armee befinden, fühlt er sich keineswegs mehr sicher.

Tresckow muss damit rechnen, dass der Besuch, seit Wochen angekündigt und immer wieder verschoben, auch diesmal in letzter Minute abgesagt wird. Es gehört zu Hitlers Gewohnheiten, endgültige Entscheidungen über seine Reisen oft erst wenige Minuten vor dem Abflug zu treffen. «Ich verstehe sehr gut, warum neunzig Prozent der Attentate der Geschichte erfolgreich gewesen sind», hat der Diktator noch im Vorjahr im kleinen Kreis erklärt. «Das einzige Vorbeugungsmittel ist ein unregelmäßiges Leben.» So atmet der Oberst auf, als schließlich in der Ferne das prasselnde Motorengeräusch der Messerschmidt-Jagdflugzeuge ertönt, die stets die «Führermaschine» begleiten. Wenig später landen schnell hintereinander drei große, viermotorige Focke-Wulf «Condor». Sie haben je zwei Maschinengewehr-Kanzeln auf dem Dach, große Hakenkreuze an den Seitenleitwerken und stilisierte Adlerköpfe auf dem Bug. Sie bringen Hitler und sein Gefolge.

Die erste Maschine rollt gegenüber den Wartenden aus. Es dauert eine Weile, bis die Tür geöffnet wird. Jemand schaut heraus. Eine Treppe wird herabgelassen. Schließlich erscheint Hitler in Ledermantel und Uniformmütze. Er dreht sich um und steigt, den Hintern voran, vorsichtig die Treppe hinunter. An diesem Tag reist der Diktator mit großer Entourage. Der Chef des Wehrmachtführungsstabs und der Chef des Heeresgeneralstabs sind dabei, das ständige Begleitkommando aus SS-Männern der «Leibstandarte Adolf Hitler» und Beamten des Reichssicherheitsdienstes, Adjutanten, Parteileute, Bildberichterstatter, Leibarzt und Leibkoch. Der Diktator ist von Bewachern mit schussbereiten Maschinenpistolen umgeben. Unter seiner Kleidung, das weiß Tresckow, trägt Hitler eine schusssichere Weste, auch die Mütze seiner Uniform, das haben die Offiziere der Heeresgruppe bei einem früheren Besuch festgestellt, ist durch Stahleinlagen verstärkt.

Nach einer kurzen Begrüßung des Generalfeldmarschalls Kluge steigt er in einen schweren Mercedes, der von seinem persönlichen Fahrer chauffiert wird und der, selbstverständlich streng geheim, eigens für diesen Zweck aus dem 660 Kilometer entfernten Winniza in der Ukraine angefordert wurde. Fremden Fahrzeugen traut Hitler schon lange nicht mehr, und seine eigenen sind seit etwa einem Jahr schwer gepanzert, mit 4,5 Zentimeter dickem Mehrschichtglas und 3,8 Zentimeter dicken Panzerplatten. Er sitzt wie üblich vorne. Die kurze Fahrt führt nach Krasnij Bor, unmittelbar westlich von Smolensk. Dort liegt das Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte, unweit des Dnjepr-Flusses, malerisch in einem lichten Birkenwald. Der Eisenbahnverkehr auf einer Zugstrecke, die den Weg kreuzt, ist vorsichtshalber eingestellt worden. Seit Tagen sind Sicherheitsdienst- und SS-Leute am Ort, die alles für den Besuch vorbereitet haben.

In dem großen Blockhaus, das Feldmarschall Kluge als Hauptquartier dient, versammeln sich nun die Armeeführer der Heeresgruppe zur Besprechung mit Hitler. Auch Tresckow ist anwesend. Er hat Hitlers Adjutanten überzeugt, nur ein persönlicher Auftritt des «Führers» könne die Bedenken der Kommandeure gegen die Operation «Zitadelle», wie der geplante Angriff auf Kursk genannt wird, zerstreuen. Aber der Vortrag des Diktators ist wenig mitreißend, er nuschelt und schaut seine Gesprächspartner kaum an. Tatsächlich ging es Tresckow auch nur darum, Hitler aus seinen Bunkern in Ostpreußen hervorzulocken. Denn zur gleichen Zeit, etwa dreihundert Meter entfernt, in einem ehemaligen Kindererholungsheim, wo die sogenannte «1a-Staffel» des Ersten Generalstabsoffiziers sitzt, schließt ein bebrillter, scharfgescheitelter, aber wenig militärisch wirkender Ordonnanzoffizier eine Kiste auf. Es ist Oberleutnant der Reserve Fabian von Schlabrendorff, 35 – Tresckows Adjutant, sein engster Vertrauter und ebenfalls ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten.

Vorsichtig öffnet er ein vorbereitetes Paket, das Tresckow und er selbst nach wochenlangen Überlegungen und Versuchen zusammengebaut haben. Es enthält vier englische Anti-Panzer-Haftminen des Typs «Clam» (Muschel), die aus Beutebeständen der deutschen Abwehr stammen und paarweise mit Leukoplast aneinandergeklebt sind. Sie ergeben zwei Blöcke von etwa fünfzehn Zentimetern Höhe und acht Zentimetern Kantenbreite. Die Verschwörer wollen sie, in ihrer Verpackung verborgen, als viereckige Likörflaschen der Marke «Cointreau» ausgeben – was von den Maßen her ungefähr passt. Gefüllt sind diese Minen mit einem hochexplosiven englischen Plastiksprengstoff, der bei Tresckows geheimen Versuchen eine 25 Millimeter starke Stahlplatte glatt durchschlagen, ein anderes Mal einen russischen Panzerturm zerfetzt hat. Der ebenfalls englische Zünder, der wie ein dicker Bleistift aussieht und durch Eindrücken an der Spitze aktiviert wird, setzt einen lautlosen chemischen Prozess in Gang: Säure frisst sich durch einen Haltedraht und entsichert eine Sprungfeder, die dann per Bolzenschlag auf die Zündkapsel die Explosion auslöst. Die Verzögerungszeit ist auf dreißig Minuten berechnet.

Schlabrendorff vergewissert sich, dass er den Zünder durch ein geschickt in der Verpackung angebrachtes Loch eindrücken kann, ohne dass ein Betrachter dies von außen bemerkt. Er nimmt das Paket, tritt in den kalten sonnigen Märztag hinaus und läuft auf den geräumten Wegen durch den verschneiten Birkenwald, in dem die Blockhäuser des Oberkommandos liegen. Sein Ziel ist das Offizierskasino. Das Kasino ist ein langer Raum mit niedriger Holzdecke, runden Tischen und einem wuchtigen Backstein-Kamin in der Ecke. Hier haben sich inzwischen mehr als zweihundert Offiziere versammelt, etwa die halbe Belegschaft des Hauptquartiers der Heeresgruppe, um den «Führer» aus der Nähe zu sehen. Hitler sitzt in der Mitte des Raumes, vier SS-Wachen stehen hinter ihm. Wie immer hat der Diktator eine spezielle Mahlzeit geordert, die von seinem mitgereisten Koch zubereitet wurde und nun von seinem aufgeschwemmten Leibarzt, Professor Morell, vor aller Augen probiert wird. Das kann medizinische, aber auch andere Gründe haben: Gift gehört zu den klassischen Mitteln des Tyrannenmords, schon vor elf Jahren hat es einen Giftanschlag auf Hitler im Berliner Hotel «Kaiserhof» gegeben, bei dem aber niemand verletzt wurde. Beim Essen stützt der Diktator die linke Hand auf den Oberschenkel, während er mit der Rechten verschiedenste Gemüsesorten in sich hineinschaufelt. Dabei lässt er den Arm auf dem Tisch liegen und schiebt nur seinen Mund dem Essen entgegen. «Meine Mutter hätte uns geohrfeigt», beschreibt ein Zeuge den grotesken Anblick. In einem Halbkreis in Hitlers Nähe sitzen sechs ausgewählte Kavallerieoffiziere, geführt von Rittmeister Georg Freiherr von Boeselager, 27. Sie haben sich bereit erklärt, Hitler gemeinsam zu erschießen. Eine Pistole gehört zur Uniform jedes Offiziers, sie hätten also auch die nötigen Waffen.

Sie dürfen aber nicht handeln, weil Feldmarschall Kluge, nach einem längeren Gespräch mit Tresckow, die Aktion schon im Vorfeld untersagt hat. Kluge weiß um den Kreis der Verschwörer in seinem Stab, er versichert auch, auf ihrer Seite zu stehen. Ein offener Mordanschlag auf Hitler aber hätte einen Bürgerkrieg mit Heinrich Himmler und seiner SS zur Folge, hat er erklärt – einen Bürgerkrieg, den das Heer, dessen Kräfte an der Front konzentriert sind, nicht gewinnen könne. So bleiben die ausgewählten Todesschützen in diesem Moment untätig, während Tresckow seinen Ersatzplan vorantreibt, von dem Kluge nichts weiß – ein Attentat, das den entscheidenden Vorteil hat, wie ein Unfall auszusehen. Nach dem Essen hält Hitler eine kurze Ansprache. Das Rauchen ist in seiner Gegenwart heute verboten. Tresckow plaudert mit den Offizieren aus der Begleitmannschaft des Diktators. Alles hängt davon ab, dass er jetzt wie zufällig eine entscheidende Information erhält – und er hat Glück. Oberstleutnant Heinz Brandt, 36, der ebenfalls den Posten eines Ersten Offiziers bekleidet, Tresckows Gegenpart in der Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres, lässt die Bemerkung fallen, er werde auf dem Rückflug in Hitlers Maschine fliegen – die Operationsabteilung ist zum Vortrag über die militärische Lage eingeteilt. Tresckow fixiert den Oberstleutnant – ein gutaussehender Herrenreiter-Typ mit etwas verkniffenem Mund. Er versucht, seinem Tonfall die nötige Beiläufigkeit zu geben, als er die entscheidende Frage stellt: Ob Brandt bereit sei, ein Päckchen mit zwei Flaschen edlen Likörs ins Oberkommando des Heeres mitzunehmen – die Einlösung einer Wettschuld bei einem befreundeten General? Brandt sagt ohne Zögern zu. Damit scheint auch das Schicksal des Mannes, der ein paar Meter weiter an seinem Gemüse kaut, besiegelt.

Gegen halb drei Uhr nachmittags verlässt Hitler das Waldlager von Krasnij Bor. Kluge und Tresckow begleiten ihn zurück zum Flughafen. Oberleutnant Schlabrendorff fährt, das präparierte Paket in den Händen, mit einem anderen Wagen hinterher. Er wartet, bis Hitler die Offiziere der Heeresgruppe verabschiedet hat, dann greift er unauffällig in die kleine Öffnung der Verpackung. Damit die Bombe auch tatsächlich aktiviert wird, presst er nicht nur einen Finger gegen den Knopf des Zünders, sondern auch die Spitze seines Schlüssels. So kann er sicher sein, dass der Druck ausreicht, die Säureampulle zu zerbrechen, und der Zünder wirklich aktiviert ist. Auf ein Zeichen Tresckows übergibt er das Paket an Brandt, und nur mit Mühe gelingt es ihm in diesem Moment, den freundlichen Gesichtsausdruck beizubehalten, den er nach außen hin bewahren muss.

Brandt bemerkt nichts. Er steigt hinter Hitler in die «Führermaschine» ein. Die Treppe wird eingezogen, die schwere Metalltür der Condor von innen verschlossen. Die Jagdflieger des Begleitkommandos steigen auf, und gegen drei Uhr ist auch Hitler in der Luft. Sein Pilot nimmt Kurs auf die verschneiten Felder der Ukraine, Kiew wird auf der Strecke liegen, nach einer Zwischenlandung in Winniza soll es weitergehen Richtung Ostpreußen, zum «Führerhauptquartier Wolfsschanze» bei Rastenburg.

Vor dem Krieg ist die konische, vom eleganten Streamline-Design der dreißiger Jahre geprägte Focke-Wulf FW 200 «Condor» das Spitzenflugzeug der Lufthansa-Flotte, Hitlers Pilot bezeichnet sie gern als «die schönste Maschine auf Erden». Mehr als fünfzehn Stunden kann sie in der Luft bleiben, so gelingt ihr im Jahr 1938 auch der erste Nonstop-Passagierflug nach New York. Für gefährliche militärische Einsätze hat sie sich allerdings als zu langsam erwiesen.

Der Diktator fliegt in einem umgebauten Modell mit vier 1000-PS-Motoren. Seine gepanzerte Kabine ist holzvertäfelt wie ein Herrensalon, Stewards bedienen die Passagiere, Porzellan und Silberbesteck tragen das Symbol der NSDAP. Hitler sitzt rechts vorn in einem gepolsterten, stahlverstärkten Ohrensessel, der auf einer etwa einen Quadratmeter großen «Absprungplatte» montiert ist. Bei Gefahr kann er mit einem signalroten Handhebel rechts unter dem Fenster, der mit einer Bleiplombe gesichert ist, einen speziellen Mechanismus auslösen. Dann bricht die Boden platte unter ihm weg, und er wird mitsamt dem Sessel herausgeschleudert – zuvor muss er allerdings den in der Rückenlehne versteckten Fallschirm angelegt haben.

Das alles wissen Tresckow und Schlabrendorff. Sie rechnen aber damit, dass ihre Sprengladung auch die Panzerkabine zerreißen wird – und noch im schlechtesten Fall gehen sie davon aus, dass die Bombe ein so großes Stück aus dem Rumpf heraussprengt, dass keine Chance auf einen Absprung bleibt. In fieberhafter Spannung fahren die Verschwörer nun ins Hauptquartier der Heeresgruppe zurück. Dort angekommen, lässt sich der Oberleutnant sofort mit Berlin verbinden und gibt ein vorher vereinbartes Stichwort an die dortigen Vertrauensleute des Widerstands durch: Die «Initialzündung» sei in Gang gesetzt. Der Plan, nach Hitlers «tragischem Unfalltod» durch eingeweihte Kommandeure die Schlüsselstellen in der Heimat zu besetzen, kann eingeleitet werden.

Dieser Plan ist, wie sich später zeigen wird, im Frühjahr 1943 alles andere als ausgereift. Aber er basiert auf einer brillanten Idee. Seit der «Winterkatastrophe» des Jahres 1941, dem Scheitern des Russlandfeldzugs vor Moskau, fühlen sich Hitler und seine Handlanger nicht mehr völlig sicher, was die Lage an der sogenannten «Heimatfront» betrifft. Die Küsten könnten angegriffen werden, feindliche Fallschirmjäger auf dem Gebiet des «Reichs» landen, sogar ein Aufstand der Zwangsarbeiter, deren Zahl in die Millionen geht, scheint nicht ausgeschlossen. Das Allgemeine Heeresamt in Berlin erhält den Auftrag, Maßnahmen gegen diese Bedrohung zu entwickeln – und erlässt im Frühjahr 1942 eine Reihe von Befehlen an jene Verbände des Heeres, die gerade nicht an der Front stehen: Ausbildungseinheiten, Reservekompanien, Truppen für den Heimatschutz in den 21 «Wehrkreisen» in Deutschland und den besetzten Gebieten.

Diese Befehle, die als «Geheime Kommandosache» in den Panzerschränken liegen, sind von Hitler genehmigt, aber nur sehr wenigen Personen bekannt. Sie ordnen die «Aufstellung einsatzfähiger Verbände in drei Stufen» an – Bewaffnung und Kampfbereitschaft gegen jeden nur denkbaren Gegner im Inneren. Henning von Tresckow und seine Mitstreiter planen, diese legalen Befehle zur Alarmierung des Heeres zu nutzen – und die kampfbereiten Truppen dann zur Abriegelung des Berliner Regierungsviertels, zur Verhaftung von Ministern und Parteiführern, zur Besetzung des Rundfunks und zur Entwaffnung von SS-Verbänden zu verwenden. Anders gesagt: Sie planen einen veritablen Staatsstreich.

Die erste und einzige Voraussetzung, um loszuschlagen, ist Hitlers Tod. Zu groß ist sein Mythos in der Bevölkerung, der Glaube des einfachen Soldaten an sein angebliches militärisches Genie, das auch jetzt noch den «Endsieg» garantieren soll. Lebend wird er nicht zu entmachten sein. Ein Unfall aber oder ein Attentat, das man irgendwem in die Schuhe schieben kann – und schon könnte das alles entscheidende Stichwort zur Öffnung der Panzerschränke, zur Ausführung der Alarmbefehle gegeben werden. Es lautet, inspiriert von den Jungfern der nordischen Mythologie, die gefallene Krieger in die Ruhmeshalle des Göttervaters geleiten: «Walküre».

Nun sitzen Tresckow und Schlabrendorff im Hauptquartier der Heeresgruppe und starren auf die Uhr, deren Zeiger nur quälend langsam vorrücken. Sie rechnen damit, dass die erste Meldung der Explosion per Funkspruch von einem der begleitenden Jagdflugzeuge eingehen wird, und warten gebannt auf eine Nachricht der Funker. Aber die halbe Stunde vergeht, und es passiert nichts. Als letzte Hoffnung bleibt die Vermutung, dass die Kälte im Inneren des Gepäckraums den chemischen Prozess des Zünders stark verlangsamt hat – aber auch die dafür angesetzte Zeitspanne geht ereignislos zu Ende.

Schließlich, nach mehr als zwei Stunden aufreibender Wartezeit, kommt eine Meldung, mit der niemand gerechnet hat: Hitler ist sicher auf dem Flugplatz von Rastenburg gelandet und hat sein Hauptquartier «Wolfsschanze» erreicht. Es folgt ein Augenblick existenzieller, niederschmetternder Enttäuschung. Hitlers angebliche Unverwundbarkeit, die seinen Gegnern bereits wie ein Pakt mit dem Teufel erscheint, hat sich von neuem bestätigt: Mehr als zwanzig dokumentierte Versuche, ihn umzubringen, gibt es zu diesem Zeitpunkt schon – aber auch der bisher raffinierteste muss in diesem Moment als gescheitert gelten.

«Wir waren zutiefst erschüttert», berichtet Schlabrendorff in seinen Erinnerungen. Viel Zeit zum Hadern oder auch nur zum Nachdenken bleibt jedoch nicht. Der Oberleutnant muss sofort wieder in Berlin anrufen, um das Stichwort für das Scheitern des Attentats durchzugeben und alle Aktivitäten dort auf der Stelle zu beenden. Oberst Henning von Tresckow dagegen bereitet sich auf einen noch viel heikleren Anruf vor. Noch einmal geht er im Kopf alle Optionen durch, dann verlangt er eine Verbindung ins Oberkommando des Heeres: Oberstleutnant Brandt. Der Mann, der die Bombe angenommen hat, ist in einer Befehlszentrale nicht weit von Rastenburg entfernt stationiert – auch er müsste inzwischen in sein Büro zurückgekehrt sein. Ihn nicht zu erreichen könnte die Entdeckung des Sprengsatzes und damit höchste Gefahr für die gesamten Mitwisser bedeuten. Aber auch die Möglichkeit, ihn ans Telefon zu bekommen, verschafft keine Gewissheit: Sollte der Wachdienst das Komplott bereits aufgedeckt haben, könnte er als Lockvogel postiert sein, um Normalität vorzutäuschen und die Drahtzieher des Attentatsversuchs zu überführen.

Tresckow wird durchgestellt und hört Brandts Stimme. Sie klingt unaufgeregt und völlig normal. Tresckow fragt, ob er das Paket mit dem Likör schon an seinen Empfänger weitergegeben habe. Brandt verneint, das Paket sei noch bei ihm. Schnell erklärt Tresckow nun, es habe leider eine Verwechslung gegeben, er halte das richtige Paket noch in den Händen. Ob er die falsche Sendung zunächst bei sich behalten könne? Sein Adjutant Schlabrendorff müsse am nächsten Morgen dienstlich ins Oberkommando und könne den falschen Likör gegen den richtigen austauschen. Brandt willigt ein. Tresckow verabschiedet sich, legt auf und erklärt Schlabrendorff, seiner Meinung nach sei die Bombe noch unentdeckt. Schlabrendorff glaubt das auch und ist sofort bereit, die Wiederbeschaffung zu übernehmen. Die Antwort auf die Frage, wie gefährlich diese Mission wird, kann allerdings erst der nächste Morgen bringen.

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