„Operation Walküre“, Claus Graf Stauffenberg und der Widerstand gegen Hitler – ein Interview mit Tobias Kniebe

Was kann man heute noch Neues über Claus Schenk Graf von Stauffenberg, seine Mitverschwörer und die Ereignisse des 20. Juli 1944 erfahren? Spielt es eine Rolle, in welcher Kirche Stauffenberg am Tag vor dem Attentat gebetet hat? Und was halten Stauffenbergs Söhne von der Arbeit der Historiker? In einem Interview mit der Rowohlt Revue spreche ich über die Arbeit an meinem Buch „Operation Walküre“ – und über die Schwierigkeit, nach unzähligen politischen Deutungen der Vergangenheit einen unvoreingenommenen Blick zu bewahren.

Der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 gehört zu den besterforschten Kapiteln der deutschen Geschichte. Was haben Sie noch Neues darüber herausgefunden?

Kniebe: Die Fakten sind in der Tat bis ins Detail erforscht: Wer will, kann tausende Seiten von Gestapo-Protokollen studieren und muss dafür nicht einmal in verstaubte Archive gehen, das ist alles längst in Buchform erschienen. Jeder, der sich heute mit diesem Kapitel befasst, baut also auf einer großartigen und oft heroischen Detailarbeit auf, die unermüdliche Historiker bereits geleistet haben. Überraschend war für mich allerdings, wie sehr die politischen Deutungen die Ereignisse noch immer überlagern. Man hat das Gefühl, jeder Satz, jede einzelne Handlung der Widerstandskämpfer vom 20. Juli ist von allen Seiten auseinandergenommen und analysiert worden – eben weil ihre Tat von einem Teil der Bevölkerung so lange nicht anerkannt wurde, weil auch die Historiker offenbar das Gefühl hatten, unter Rechtfertigungsdruck zu stehen. Versucht man, sich mehr auf die Ereignisse selbst zu konzentrieren, kann man immer noch überraschende Entdeckungen machen. Die Kirche des 19. Juli ist so ein Beispiel.

Sie meinen die Überlieferung, dass Claus Graf Stauffenberg einen Tag vor dem Attentat an einer Kirche halten ließ, um an der Messe teilzunehmen?

Kniebe: Genau. Diese Geschichte ist von seinem Fahrer berichtet worden, der zu verschiedenen Zeiten verschiedene Erinnerungen daran hatte, wo diese Kirche gewesen sein könnte – entweder in Berlin-Dahlem oder in Berlin-Steglitz. Die historische Forschung muss es dabei belassen. Es gilt eben offiziell als ungeklärt, welche Kirche es war. Bedenkt man aber, dass Stauffenberg gläubiger Katholik war, muss es eine katholische Kirche gewesen sein – und da engt sich im evangelischen Berlin die Auswahl auf einmal stark ein. Im Grunde gibt es auf der Fahrstrecke, die Stauffenberg zu seiner Wohnung zurücklegen musste, überhaupt nur eine Kirche, die an der Grenze zwischen Dahlem und Steglitz liegt, deren Lage in der Erinnerung des Fahrers unklar sein könnte. Für mich war es also ganz wichtig, diese Kirche zu finden und auch zu beschreiben. Nicht in dem Sinne, dass ich damit eine neue historische Wahrheit gefunden hätte, aber aus dem Gefühl heraus, dass man auf den Spuren der Widerstandskämpfer vom 20. Juli noch immer interessante Entdeckungen machen kann.

Die Söhne Stauffenbergs haben Sie bei Ihren Recherchen unterstützt und Ihnen bisher unbekannte, faszinierende Details aus dem Familienleben berichtet. Wie kam es dazu?

Kniebe: Sehr einfach: Ich habe höflich nachgefragt. Dabei stellte sich heraus, dass es bei den Kindern Stauffenbergs große Vorbehalte gegen jede Darstellung ihres Vaters gibt. Sie rechnen eigentlich gar nicht mehr damit, dass sich jemand noch ganz unvoreingenommen seiner Persönlichkeit annähern kann und will – eben eine Folge dieses politisch belasteten Blicks der Vergangenheit, den es auch heute noch gibt. Auch mir haben sie eine unvoreingenommene Annäherung eigentlich nicht zugetraut, aber sie haben es trotzdem auf sich genommen, meine Fragen zu beantworten. Franz-Ludwig Stauffenberg sagte mir dabei, dass seiner Meinung nach die wesentlichen Dinge immer wieder aus dem Blick geraten, und dass es fast niemandem gelingt, Geschichte wirklich zu erzählen. Dann schenkte er mir den Text eines wunderbares Gedichts, das seine Mutter in Einzelhaft für den ermordeten Vater geschrieben hatte. Das hat mich sehr beeindruckt und nachdenklich gemacht.

Geschichte zu erzählen ist eine hohe Verantwortung. Welche Antwort haben Sie darauf gefunden?

Kniebe: Mein Ansatz war zunächst einmal der, dass es nun wirklich genug politische Betrachtungen zu dem Thema gibt, von großen und auch sehr vielen kleineren Geistern. Also habe ich nur versucht, die Ereignisse so präzise wie möglich für mich selbst zu rekonstruieren und dann so klar wie möglich aufzuschreiben – aus der Perspektive eines Nachgeborenen, der die Zeit eben nicht erlebt hat, dem nichts in der militärischen Geschichte selbstverständlich ist, und der sich jedes Detail erarbeiten muss. Erstaunlich dabei war, wie sinnlich dieser Prozess noch heute sein kann, und wie schwer es gleichzeitig ist, in der überbordenden Fülle des Materials, der Ereignisse und der handelnden Personen den Faden nicht zu verlieren. Wer heute noch den großen Linien der Operation Walküre folgen und die Dynamik der Ereignisse verstehen will, muss auch den Mut haben, auf unzählige Verästelungen und Nebenstränge der Handlung zu verzichten. Dafür erkennt man dann auf einmal, wie unglaublich diese Geschichte wirklich ist: mit Bomben, die in Flugzeuge geschmuggelt wurden, Selbstmordattentätern, die mit Sprengstoff in der Tasche bereitstanden, und mit diesem unfassbaren Glück, mit dem Hitler immer wieder davongekommen ist.

Interview: Doris Blatter; erschienen in der Rowohlt Revue, 2008

„Operation Walküre“ auf der Rowohlt-Website